Letztens bin ich einem Link auf Facebook gefolgt: Daniela Warndorf hatte einen Blogartikel zum Thema Texterhonorare gepostet. Interessant war nicht nur der Artikel, sondern auch die Reaktionen auf Facebook. Denn ob Texter oder Grafiker — sie alle kennen Kunden, die feilschen. Was auch immer wieder vorkommt: Neukunden, die Leistungen anfragen, aber vorab einen kostenlosen Probetext wollen.
Wie geht man damit um? Auf der einen Seite kann ich nachvollziehen, dass einige Auftraggeber “gebrannte Kinder” sind: Sie haben in der Vergangenheit einen Texter gebucht, der ihre Erwartungen nicht erfüllt hat. Das wollen sie künftig vermeiden.
Auf der anderen Seite müssen wir es doch mal so sehen:
In welcher anderen Branche werden kostenlose Arbeitsproben so selbstverständlich, ja fast respektlos angefragt? Gehe ich zum Klempner und sage “Wenn Sie mir den Wasserrohrbruch kostenlos reparieren, rufe ich in Zukunft nur noch Sie an. Ich muss ja schließlich wissen, ob Ihr Stil zu uns passt”?
Oder stellt euch vor, man geht zu einer Prostituierten und sagt: “Hey, gibt’s auch ‘nen kostenlosen Proberitt? Ich war nämlich schon mal bei einer Prostituierten und das hat mir nicht so gut gefallen.”
Und da wir schon bei provokanten Fragen sind:
Welcher Texter hat eigentlich die Zeit, kostenlose Texte zu liefern? Bei uns brummt die Hütte, wir arbeiten nicht nur zur klassischen Bürozeit, sondern auch abends und am Wochenende. Und das weniger, weil unser Konto echoleer ist, sondern weil wir unsere Arbeit sonst nicht schaffen. Bei dieser Auftragslage haben wir wirklich keine Zeit für kostenlose Probetexte.
Abgesehen davon müssen sich Auftraggeber noch eine ganz andere Frage stellen:
Wie gut kann ein Probetext sein, wenn der Texter gar keine Chance hat, sich intensiv mit Thema/Produkt/Unternehmen auseinander zu setzen? Denn das ist beim Nullpreis nun wirklich nicht drin.


Du hast mit Deiner Abschlussfrage völlig recht: Wenn man gute Leistung will, kann man nicht zum Nulltarif anfragen. Als kleinem BWLer kommen mir bei Deinem Artikel noch ein paar Rückfragen in den Sinn:
1. Es gibt doch Referenzen: Kann man/Frau nicht auf vergangene/erfolgreiche Arbeiten verweisen, denn diese stehen doch öffentlich zur Verfügung?
2. Wenn “die Hütte brummt”, wieso kommt dann irgendein WerbetexterIn auf die Idee, überhaupt über kostenlose Probearbeiten nachzudenken? Es regiert doch das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Und bei einem Nachfrageüberhang muss man sich nicht bei den Nachfragern anbiedern.
Ein beruflich Neugieriger dankt im Voraus für freundlich-konstruktive Antworten
@Marc
1. Es gibt doch Referenzen: Kann man/Frau nicht auf vergangene/erfolgreiche Arbeiten verweisen, denn diese stehen doch öffentlich zur Verfügung?
Ja, das ist seltsam. Die Anfragen kommen über unsere Website, auf der jede Menge Referenzen zu sehen sind. Trotzdem werden Probetexte angefragt. Es ist uns aber auch schon passiert, dass wir tolle Referenzen von Texter-Bewerbern gesehen haben und im Praxistest waren die Ergebnisse nicht überzeugend. Diese Erfahrung mussten Auftraggeber vielleicht auch schon machen.
2. Wenn “die Hütte brummt”, wieso kommt dann irgendein WerbetexterIn auf die Idee, überhaupt über kostenlose Probearbeiten nachzudenken? Es regiert doch das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Und bei einem Nachfrageüberhang muss man sich nicht bei den Nachfragern anbiedern.
Genau. Deshalb liefern wir ja auch keine kostenlosen Probetexte.
Ich denke auch eher über das Phänomen nach: Weshalb ist die Frage nach Gratis-Arbeit in unserer Branche Usus, in anderen aber undenkbar?
Mit uns Kreativen kann man’s eben machen. Unsere Arbeit lässt sich leider nicht in “verlegten Quadratmetern” oder “gefliesten Badezimmern” berechnen. Allerdings haben wir den Vorteil der Arbeitsprobe. Wenn die einem Kunden nicht reicht, um zu erkennen, was man kann, dann ist das Finden eines fähigen Texters oder Grafikers das geringste Problem, was er zu bewältigen hat.
Ich wurde erst vor kurzem um einen Probetext gebeten und hatte damit kein Problem (na gut, nur ein kleines). Dem Kunden hatten schon verschiedene andere Texter nicht gefallen, und der Text, der von mir verlangt wurde, war ziemlich kurz. Mit diesem Text habe ich mich gegen 8 andere Texter durchgesetzt und den Job bekommen. Der zeitliche Aufwand für den Probetext hat sich absolut gelohnt. Vor allem, weil jetzt noch Folgeaufträge in der Pipeline sind und über diesen einen Kontakt weitere Kunden hinzukommen.
Das soll keine Lobhymne auf kostenloses Arbeiten sein – denn dass das im Prinzip nicht möglich ist, ist auch mir klar.
Aber Ausnahmen bestätigen eben die Regel…
Klar. Es gibt Ausnahmen. Die Zusammenarbeit mit Peek & Cloppenburg war zum Beispiel eine schöne Referenz, für die ich in meiner Junior-Zeit auch einen kostenlosen Probetext investiert habe. Aber ehrlich: Wenn du jetzt mit Folgeaufträgen und neuen Kunden richtig viel zu tun hast – wirst du die nächste Anfrage nach einem kostenlosen Probetext immer noch positiv beantworten (wenn keine große Marke als Referenz lockt)?
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Besonders schön finde ich den Vergleich mit dem “Proberitt”.
Klasse. Hätte es selbst nicht schöner schreiben können.
Schlimm ist, dass gerade die Großen ganz gerne kostenlose Probetexte anfordern.
Und von denen lässt man sich das eher gefallen. Könnte ja ein super Kontakt werden.
Von wegen.
Halte es in Zukunft wie Sie! Danke für diese treffenden Worte!
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